Dia: Ein Leben unter Zwang

Shownotes

Hinter Menschenhandel steht oft die Hoffnung auf ein besseres Leben. In dieser Folge schildert eine Betroffene, wie sie Rumänien verließ, um in Deutschland neu anzufangen – und schließlich in die Fänge eines Zuhälters geriet.

Dia gerät schon früh in ein Umfeld, in dem Prostitution zum Alltag gehört. Sie hofft in Deutschland auf eine bessere Zukunft. Doch kurz nach ihrer Ankunft wird diese Hoffnung zerstört. Der Mann, der sie zunächst freundlich aufnimmt, entpuppt sich als Zuhälter. Er nimmt ihr Ausweis, Telefon und Geld ab und zwingt sie, für ihn zu arbeiten.

Dia spricht darüber, wie sie getäuscht und ausgebeutet wurde und wie sich das körperlich und emotional auswirkte. Und sie erzählt von dem Moment, der alles änderte. Mit Unterstützung der Fachberatungsstelle Jadwiga gelang ihr schließlich der Ausstieg.

Hinweis: In dieser Folge geht es um Menschenhandel, Zwangsprostitution, sexuelle Gewalt und traumatische Erfahrungen. Diese Inhalte können belastend sein.

Auf „Bayern gegen Gewalt“ finden Sie weitere Informationen zu Zwangsprostitution und Hilfeangebote für Betroffene.

Transkript anzeigen

00:00:04: Hinsehen, hinhören heißt dieser Podcast.

00:00:07: Willkommen!

00:00:08: Ich bin Sarah.

00:00:10: Heute habe ich eine bewegende Geschichte zum Thema Zwangsprostitution mitgebracht.

00:00:14: Vorab eine Triggerwarnung.

00:00:16: In dieser Episode diskutieren wir Zwangsprostitutionen, Menschenhandel und die traumatischen Erfahrungen, die damit einhergehen.

00:00:24: Diese Themen können beunruhigend sein.

00:00:26: Wir geben dir das Geschichte sinngemäß wieder.

00:00:29: Sie ist Anfang zwanzig und hat bereits so viel durchgemacht.

00:00:33: Sie durchlitt neun Monate sexuelle Ausbeutung und Missbrauch, bis sie – ja auch das gibt es – von einem Freier gerettet wurde.

00:00:42: Bitte hört euch ihre Geschichte an!

00:00:44: Sie ist nicht nur für Frauen wichtig sondern vor allem auch für Männer.

00:00:48: Ihr könnt etwas bewirken und dazu beitragen Frauen aus schlimmen Situationen zu befreien.

00:00:54: Natürlich sprechen wir auch darüber welche Hilfsangebote es gibt und was dir tatsächlich geholfen hat.

00:01:01: Dir du bist in Rumänien aufgewachsen Aber nicht bei deiner eigenen Familie.

00:01:06: Du kamst bereits im Alter von einem Jahr in ein Kinderheim.

00:01:09: Kannst du mir erzählen, wie deine Kindheit

00:01:11: war?

00:01:14: Meine Kindheit waren ich gerade einfach Denn das Leben in einem Kinderheim ist alles andere als leicht.

00:01:21: Dort

00:01:21: wird sehr viel gemobbt und es kommt auch zu Missbrauch,

00:01:25: sogar

00:01:25: durch die Betreuer.

00:01:28: Wenn ich in der Schule von meinen Mitschülern gemoppt worden bin hat mich zu Hause niemand danach gefragt.

00:01:35: Durch bestimmte Erlebnisse und Dinge, die man zu mir gesagt hat begann mein Sexualleben sehr früh.

00:01:42: Niemand hat mir erklärt was ich tun oder wie ich mich schützen sollte.

00:01:46: In unserem Kinderheim waren solche Dinge ganz normal

00:01:49: Tschüss!

00:01:51: Mit

00:01:51: zwölf oder dreizehn Jahren fing manche an, als Prostituierte zu arbeiten.

00:01:57: Die anderen Mädchen brachten tatsächlich Geld mit nach Hause.

00:02:00: Niemand hat sie gefragt woher dieses Geld gekommen ist.

00:02:04: Untereinander haben wir ständig darüber gesprochen.

00:02:08: Ich bin oft tagelang weggeblieben.

00:02:10: Ging sehr häufig mit Männern auf Partys und habe bei ihnen übernachtet.

00:02:15: Wie ich schon erzählt hab hatte ich mit etwa dreizehn Jahren zum ersten Mal Sex.

00:02:21: Wow, ich spüre wirklich dass du keinen leichten Staat ins Leben hattest.

00:02:25: Mit siebzen wurdest du dann Mutter also ebenfalls sehr jung.

00:02:29: Es war wirklich schwer.

00:02:31: Anfangs wollte ich dieses Kind nicht weil es von einem Mann war mit dem ich nicht zusammen sein wollte.

00:02:37: Deine Tochter wurde geboren und Du hast in Rumänien als Prostituierte gearbeitet.

00:02:41: Später erzählte dir eine Freundin das Du in Deutschland mehr Geld verdienen kannst Und Du hast beschlossen deine Tochter bei ihrem Vater zu lassen und hierherzukommen.

00:02:50: Wie hast du dich in den ersten zwei Wochen in Deutschland gefühlt?

00:02:53: In den ersten beiden Wochen hatte ich das Gefühl, etwas bewirken

00:02:57: zu können.

00:02:58: Ich habe wirklich geglaubt, dass ich mir und meiner Tochter eine Zukunft aufbauen könnte

00:03:02: oder

00:03:02: dass ich mich vielleicht sogar innerhalb eines Jahres eine eigene Wohnung leisten könnte.

00:03:07: Alles lief gut!

00:03:08: Zwei Wochen lang habe ich mein Geld tatsächlich selbst verwaltet, hab Webseiten erstellt, hat mich um Kunden gekümmert und Termine vereinbart.

00:03:17: In diesen beiden Wochen habe ich mich großartig gefühlt.

00:03:20: Ich

00:03:20: hab wirklich gedacht, ich sei in einer anderen Welt!

00:03:23: Okay und dann änderte sich etwas.

00:03:25: Was geschah nach diesem beiden Wochen?

00:03:29: Der Mann bei dem ich ein Zimmer gemietet hatte war plötzlich nicht mehr nur der Besitzer der Wohnung sondern ein Zuhälter wie meine Freundin.

00:03:38: Für mich war das wie eine eigene Mafia.

00:03:40: Sie haben mir meinen Ausweis weggenommen Mein bis dahin verdientes Geld und mein Handy.

00:03:45: Dann sagten sie mir, dass ich von nun an für ihn arbeiten müsse.

00:03:49: Ich habe ihn angefleht mich gehen zu lassen.

00:03:51: Ich hab gesagt, das ich nach Hause wolle und er mich freilassen solle aber er hat nein gesagt, dass sich jetzt für ihn arbeiten müsse.

00:03:59: Und natürlich hat niemand nach mir gesucht als ich verschwunden bin weil ich keine Familie habe.

00:04:04: Die Menschen im Heim haben sich nicht dafür interessiert wo ich war oder was ich tat.

00:04:08: Damit war ich praktisch das perfekte Opfer für diesen Zuhälter.

00:04:14: Du warst also gewissermaßen in dieser Situation gefangen?

00:04:17: Hast du darüber nachgedacht zu fliehen, hättest du überhaupt irgendeine Möglichkeit dazu gehabt?

00:04:23: Nein.

00:04:24: Aber ich habe mehrmals versucht darauszukommen – sehr oft sogar!

00:04:30: Doch er war immer in meiner Nähe.

00:04:32: Selbst wenn ich mit Freiern Sex hatte, saß er in der Küche oder irgendwo anders in der Wohnung hinter einem Vorhang.

00:04:40: Okay wow... In dieser Situation spielten also auch enormer Druck und Manipulation an eine Rolle.

00:04:46: Kannst du beschreiben, wie dein Alltag in dieser Zeit aussah?

00:04:50: Ich

00:04:50: habe mich völlig verraten und gefangen gefühlt.

00:04:53: Diese

00:04:53: Situation hat mehrere Monate angedauert.

00:04:57: Mein Alltag sah so aus dass ich morgens zwischen sechs und sieben Uhr aufstand.

00:05:01: Dann habe ich gearbeitet bis zum nächsten Morgen.

00:05:04: Meine Schicht hat um fünf Uhr geendet, ich hab vielleicht ein oder zwei Stunden pro Nacht geschlafen.

00:05:10: Ich musste rund um die Uhr arbeiten.

00:05:12: Selbst wenn ich bereits zehn Freier gehabt hatte, hat ihn das nicht interessiert Denn er wollte so viel Geld wie möglich verdienen.

00:05:21: Damals gab er mir zum ersten Mal Heroin, weil ich das alles nicht mehr ausgehalten habe.

00:05:26: Mein

00:05:26: Körper war bereits in einem sehr schlechten Zustand und ich hab etwas gebraucht um es überhaupt noch durchstehen zu können vor allem weil mein Immunsystem schon sehr geschwächt war.

00:05:36: also hat er mich dazu gebracht Heroin zu nehmen.

00:05:38: Wie hast du das emotional überstanden?

00:05:44: Es war

00:05:44: sehr schwer.

00:05:45: Ich weiß wirklich nicht, wie ich es geschafft habe das zu überleben.

00:05:48: Selbst

00:05:49: heute kann ich nicht behaupten besonders viele Gefühle zuzulassen Denn was eine Frau in einer solchen Situation erlebt verfolgt sie emotional bis an ihr Lebensende.

00:06:00: Am Ende halbt ihr dann ein Freie aus dieser Situation herauszukommen.

00:06:03: Kannst du uns erzählen wie es dazu kam?

00:06:08: Ja, er war ein Stammkunde von mir und hatte mich schon mehrmals besucht.

00:06:13: An diesem Abend sollte er mich in seinem Auto abholen und zu sich nach Hause bringen.

00:06:17: Der Zuhälter hat mir ein Handy gegeben über das ich meinen Standort teilen konnte.

00:06:21: Natürlich habe ich ihn nicht mit ihm geteilt.

00:06:23: Er hat immer wieder geschrieben Schick mir deinen Standort, schick mir dein Standort.

00:06:28: Dann

00:06:28: fuhr ich mit dem Freier zu ihm nachhause.

00:06:30: Wir haben uns eine Weile unterhalten.

00:06:33: Währenddessen war ich sehr nervös, weil ich gedacht habe Ich muss ihm irgendwie erzählen was los ist.

00:06:38: Vielleicht ist das meine Chance hier herauszukommen?

00:06:42: Ich hab ihm alles erzählt Aber zunächst hat er mir nicht geglaubt.

00:06:46: Dann habe ich ihn gebeten über die Website eine Nachricht zu schreiben.

00:06:49: Dabei hatte sich als mich ausgegeben und mit dem Zuhälter geschrieben.

00:06:53: Als dieser geantwortet hat, erkannte der Freier dass jemand die Kontrolle über das ganze hatte.

00:06:59: Er bekam große Angst und fragte den Zuhälter was er von ihm wolle.

00:07:03: Der drohte singemäß damit vorbeizukommen Und ihn zu verprügeln.

00:07:08: Daraufhin

00:07:08: hat der freie die Polizei gerufen.

00:07:13: Okay... Das musste ich unglaublich viel Kraft und Mut gekostet haben.

00:07:17: Wie du erzählt hast wurde dann die Polizei gerufen.

00:07:22: Wie hast du diesen Moment emotional erlebt?

00:07:27: In diesem Moment habe ich noch gar nicht richtig verstanden, was geschehen ist.

00:07:31: Ich habe nicht gewusst, ob nun wirklich alles vorbei war.

00:07:34: Ich wusste weder, was mit ihm geschah – noch, was mir passieren würde!

00:07:39: Ich hatte große Angst.

00:07:41: Doch

00:07:41: als ich am nächsten Tag mit den Mitarbeitern von Jadwiga gesprochen hab,

00:07:45: fühlte

00:07:45: ich mich sicherer.

00:07:47: Sie gaben mir das Vertrauen und den Halt, den ich

00:07:49: brauchte.".

00:07:52: Und wie hat Jadwiga dir dabei geholfen, ein neues Leben zu beginnen?

00:07:58: Jadwiega

00:07:58: hat mir vor allem dabei gehoffen emotional wieder auf die Beine zu kommen und mein Leben neu zu ordnen.

00:08:04: Das bedeutet mir sehr viel.

00:08:08: Außerdem

00:08:08: habe ich es dank Jadweega geschafft von den Drogen loszukommen.

00:08:12: Das bedeutete mir noch mehr weil ich viele Jahre lang abhängig gewesen war.

00:08:18: Nach und nach fand ich Wiederhalt,

00:08:20: auch

00:08:20: finanziell.

00:08:23: Und wie geht es dir heute dir?

00:08:25: Mir geht es gut.

00:08:26: Ich mache gerade eine Psychotherapie und es geht mir inzwischen ziemlich

00:08:29: gut.

00:08:30: Okay...

00:08:34: Ich

00:08:34: möchte jetzt auch noch etwas sagen, das ist eine Botschaft an alle Mädchen die diesen Podcast vielleicht hören.

00:08:42: Wenn ihr euch bedroht fühlt oder das Gefühl habt in irgendeiner Form es braucht zu werden, ist es sehr wichtig mit jemandem darüber zu sprechen.

00:08:51: Das gilt besonders für Mädchen, und vor allem für die Menschen, die sie betreuen.

00:09:00: Denn viele Mädchen, die in der Prostitution landen oder einem sogenannten Loverboy in die Hände fallen, wachsen im Kinderheimen oder in Familien auf, in denen es keine klaren Regeln und keinen festen Halt

00:09:11: gibt.

00:09:13: Guter

00:09:13: Punkt dir!

00:09:14: Täter haben es auf Kinder- und junge Frauen abgesehen, die kaum oder gar keine familiäre Unterstützung haben?

00:09:19: Und was würdest du sagen, woran man sexuelle Ausbeutung erkennt und woran könnte man erkennen dass eine Frau betroffen ist?

00:09:28: Zunächst einmal hat sie keine Freude am Sex.

00:09:33: Außerdem sieht man bei einer Frau die Opfer von Menschenhandel geworden ist kein Lächeln.

00:09:41: Vielleicht

00:09:42: hat sie blaue Flecken am Körper,

00:09:44: vielleicht

00:09:44: hat sie ständig einen düsteren Blick oder wirkt so als wolle sie etwas sagen.

00:09:51: Doch

00:09:51: viele freier schauen lieber weg weil sie wissen das hinter diesem Menschenhandel eine große Mafia steckt.

00:09:57: Viele

00:09:58: wollen damit lieber nichts zu tun

00:09:59: haben.".

00:10:03: Wir werden nicht einfach von irgendeinem Zuhälter ausgebäutet.

00:10:06: Wir werden regelrecht gejagt!

00:10:09: Diese

00:10:10: Männer sind wie Raubtiere, die auf der Laue liegen und uns genau beobachten.

00:10:15: Sie prüfen ob wir jemanden haben oder eine Familie haben – und wie unsere Lebenssituation aussieht.

00:10:21: Und automatisch steckt eine ganze Mafia dahinter, denn bei solchen Geschichten gibt es nie nur einen Zuhelter.

00:10:28: Danke dir, du bist eine sehr mutige

00:10:30: Frau.".

00:10:35: Das war unser Gespräch mit dir.

00:10:37: Ihre Geschichte zeigt eindrücklich, wie wichtig Hilfe von außen ist um der Zwangsprostitution zu entkommen – auch durch Freier!

00:10:45: Wenn ihr etwas seht oder hört oder euch etwas verdächtig vorkommt, wendet euch an die Bavarian Anti-Trafficking Helpline.

00:10:52: Dort erhaltet ihr kostenlos und anonym Hilfe per Telefon, E-Mail oder

00:10:57: Chat.

00:10:58: Auf der Website gibt es außerdem ein Meldepformular für Verdachtsfälle über das ihr anonym Hinweise geben könnt.

00:11:04: Auch Organisationen wie Solvodi und Jadwiga sind wichtige Anlaufstellen.

00:11:09: Und natürlich die Polizei!

00:11:11: Lasst uns gemeinsam handeln, ein Zeichen gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution setzen.

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